Berührend

Zwei Menschen fallen sich in die Arme, herzen und küssen sich. Habe ich kürzlich beim Warten an der roten Ampel gesehen und mich gefreut. Dem Nachbarn im Auto nebenan gefiel das offenbar auch. Jedenfalls sah er auch hin und lächelte. Kurz darauf höre ich einen Radiobeitrag, der sich mit unserer berührungsarmen Zeit (stimmt, alle starren immerzu aufs Handy) befasste und ein paar Tage später landete dann eine Einladung zu einem Event in einem Ayurveda-Hotel an der Mosel auf meinem  Schreibtisch. Thema „Berührung“. Also bin ich hingefahren. 

Was die alten Veden vor viertausend Jahren aufgeschrieben haben, ist für uns nicht zu verstehen. Jedenfalls nicht ohne ayurvedische Vorkenntnisse. Dr. Helene im Ayurveda-Hotel ist daher eine Art Übersetzer. Die alten Heiler wussten nichts von den vielen Tausend Schmerz-, Druck-, Kälte- und Wärmerezeptoren in unserer Haut. Aber sie wussten genau, dass Berührung, und zwar auf allen Sinnesebenen – von fühlen (Haut), sehen (schöne Umgebung), hören (harmonische Klänge und Mantren) bis schmecken (lecker gewürztes Essen) – gesundheitsfördernde Prozesse anstößt. Wie lebensnotwendig Berührung für uns ist, musste Kaiser Friedrich Ende des 13. Jahrhunderts feststellen. Er ließ Neugeborene von Ammen versorgen, isolierte sie aber und untersagte den Frauen mit den Kindern zu sprechen oder sie liebkosen. Die Kleinen verkümmerten beziehungsweise starben. 

Viel Gutes lässt sich dagegen mit dem Gegenteil erzielen. Massagen kurbeln beispielsweise die Ausschüttung des Glückshormons Serotonin im Gehirn an. Stresshormone wie Cortisol werden reduziert, das Immunsystem profitiert. Frühgeborene entwickeln sich mit täglichen Streicheleinheiten viel besser, als Babys, die nur medizinisch versorgt werden. Bei guten Massagen transzendiert der Geist, erklärt mir die Ayurveda-Ärztin. Wie sich das anfühlt, erlebe ich dann. Während der vierhändigen, also von zwei Therapeuten mit absolut synchronen Bewegungen ausgeführten ayurvedischen Massage, die mit sehr viel warmem Pflanzenöl in vollkommener Stille vonstatten geht, drifte ich in eine wohlige Existenz zwischen klarem Bewusstsein und Schlafen ab. Der Kopf fühlt sich leer an.  Wissenschaftler bezeichnen das als Alpha-Zustand. Er ist ideal, etwa um eine neue Sprache zu lernen. Ich genieße gerade das Gegenteil: Endlich mal an nichts denken müssen.